Presseberichte
Gondelmenü: Am Drahtseil hängen und fünf Gänge schlemmen
Wenn die Gondeln Hummer tragen. Die Willinger Gastronomen lassen sich etwas einfallen. Fotos: Thomas Winterberg
Haben Sie schon mal Tranchen vom Kalbsfilet in einer Bergbahn-Kabine gespeist? Willinger Gastronomen machen's möglich. Zum vierten Mal richten sie die kulinarischen Schlendertage aus. Ein Höhepunkt dabei im doppelten Wortsinn ist das Essen in luftiger Höhe.
Die Szene erinnert an die Abflughalle eines kleinen Airports: Gleich ist Boarding, also der Einlass zum Flieger: „Bitte zuerst die Passagiere der Gondeln eins bis fünf. Dann geht's der Reihe nach weiter.” Gastwirt Andreas Kruk weist die 96 Gäste ein. In die Schlange an der Talstation der Ettelsbergbahn kommt Bewegung. Gestern noch sind Biker und Wanderer mit der modernen Kabinenbahn zu Siggi's Hütte gefahren. „Über Nacht haben wir 30 Kabinen aus dem Verkehr gezogen, sie gereinigt und mit Tischen bestückt”, sagt Geschäftsführer Jörg Wilke. Bitte Einsteigen!
Im Zeitlupentempo schweben
Im Zeitlupentempo schweben die Gondeln nacheinander durch den Halbkreis-Bahnhof. Jeweils vier Bergbahngäste nehmen Platz. Der eigens maßgefertige Tisch ist nett gedeckt. Weißes Damasttuch, dezent-geblümte Servietten, diverse Wein- und Wassergläser, ein fruchtiger Riesling, Wasser, Limo, Saft. Die Tür schließt gedämpft. Von nun an geht's bergauf!
Mit 40 Gästen haben die Willlinger 2009 Gondel-Menü-Premiere gefeiert. Damals glaubten die Upländer an einen Aprilscherz. Aber die Gastronomen meinten es ernst. Sie wollen mit dieser Aktion in der eher mauen Nebensaison einen Akzent setzen. „Viele Gäste kommen aus dem Raum Willingen. Einige sind eigens deswegen zum Kurzurlaub angereist”, sagt Mitveranstalter Heinz-Friedrich Meyer.
Riesling-Geruckel
Es ruckelt, der Riesling schwappt an den Glasrand, die Gondel hat gerade einen Stützpfeiler passiert. Das kommt in regelmäßigen Abständen vor, doch spätestens beim Hauptgang wird das niemand mehr bewusst wahrnehmen. Unterdessen lockt erst einmal der „Knabberteller Hochheide” mit Gänseleber in Brotteig und Frischkäse in der Tramerzinorolle. Die Mitreisenden genießen Essen und Außsicht.
Angelika Gruneberg aus dem thüringischen Mühlhausen und Wolfram Fischer haben durchs Fernsehen vom luftigen Menü erfahren. Und weil Angelika Grunebergs Sohn Peter in Willingen arbeitet, wurden kurzerhand die Karten zu je 65 Euro geordert. Ein Weihnachtsgeschenk. Jetzt schweben die Drei hoch oben über Willingen. „Da ist eine sehr gute Idee, die ihren Preis wert ist. Wir kommen gerne, hier ist immer etwas los. Die Natur, die Wandermöglichkeiten. Einfach herrlich.”
Etwa 20 Minuten dauert jede Berg- und Talfahrt. Im Begegnungsverkehr prostet man sich von einer zur anderen Gondel zu. Leckeres auf der Gabel, Süffiges im Glas, dazu der grandiose Fernblick - das hat was. Auch der zweite Gang, „Gaspachio vom Spargel im Duett mit Kerbel und Orange”, kommt gut an. In der Talstation geraten Küchenchefs und Servicekräfte langsam ins Schwitzen. Nur wenige Minuten bleiben ihnen, um das leere Geschirr aus der Gondel zu schaffen, den nächsten Gang zu servieren und für Getränkenachschub zu sorgen. Drei Kabinen weiter vorne wird schon die dritte Flasche Wein serviert. Gondeln und speisen in Höhenluft machen durstig.
In Zeitlupe
Gerade einmal 20 Zentimer pro Sekunde fährt die Kabine unten im Bahnhof, während der Speisennachschub gereicht wird. Besonders schnelle Gäste nutzen diese knappe Zeit des Beladens für ein Entladen. Die Personaltoilette ist in halbwegs erreichbarer Nähe. Wer sich sputet, kann das schaffen ohne die „Black Tiger Krevetten im Tomatennest” zu verpassen.
Nach 90 Minuten könnte man glauben, die Passagiere hätten an Gewicht zugelegt, die Gondelseile hingen tiefer durch. Doch das täuscht. Waldbeere und süße Cannelloni passen auf jeden Fall noch. „Bei Gruppen ab mindestens 20 Personen würden wir das Gondelmenü auch außerhalb der Schlendertage ermöglichen - für Gesellschaften oder Firmen”, sagt Meyer.
„Was mir gefehlt hat, ist ein bisschen Musik”, bemängelt ein ansonsten rundum zufriedener Gast. Aber Schunkeln in der Gondel - das wäre zu gefährlich. Wie wär's da mit einem singenden Gondoliere?
© 27.04.2010 Der Westen




